Blog der Technikgeschichte

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Blogs von Lehrenden oder Studierenden sind an der TU bislang wenig verbreitet. Am Fachgebiet Technikgeschichte wurde vor einigen Monaten ein Blog gestartet, der nicht nur die Lehre bereichert, sondern auch den Kontakt und Austausch mit Studieninteressierten und Fachkollegen fördert. Über ihre bisherigen Erfahrungen nach 100 veröffentlichten Artikeln haben wir mit Dr. Sylvia Wölfel gesprochen, die den Blog aufgesetzt und im vergangenen Semester auch in einer ihrer Lehrveranstaltungen eingebunden hat.

In den USA sind Blogs von Lehrenden sind an vielen Universitäten verbreitet und oft auch über die Landesgrenzen bekannt. Meist werden sie genutzt, um interessante Ergebnisse aus der Forschung und die eigene Meinung zu aktuellen Themen mit der Forschungscommunity und allen anderen Interessierten zu teilen. Hier bei uns sind sie im Hochschulkontext (noch) eine Seltenheit. Was war Ihre Motivation einen Blog zu starten und wer ist Ihre Zielgruppe?

Meine Motivation speiste sich (a) aus einer generellen Unzufriedenheit mit der Sichtbarkeit des kleinen Faches Technikgeschichte. In der Technikgeschichte gibt es auch heute noch große Vorbehalte gegenüber der digitalen Herausforderung und das digitale Publizieren eigener Gedanken, unausgereifter Ideen oder kurzer Randnotizen wird schnell als unseriös verurteilt. Dabei sollte und könnte gerade die Technikgeschichte viel zu Fragen des gesellschaftlichen Umgangs mit einem beschleunigten technischen Wandel sagen. Wo sind unsere Positionen zur Zukunft der Arbeit oder zum Zusammenspiel von Mensch und Maschine in den heutigen Diskussionen über Industrie 4.0 oder cyber-physical systems? Wir koppeln uns zu gern von aktuellen Auseinandersetzungen ab und begnügen uns mit einem Rückzug auf eine Verwertungsfreiheit der Wissenschaft. Hinzu kam (b) ein Unbehagen gegenüber der Dominanz einiger Professoren im Fach, die mit ihren Positionen die Debatten besetzten und (c) die Ansprache insbesondere von Studieninteressierten oder Studierenden muss dringend verbessert werden. Wer schon einmal auf die Idee kommt, Technikgeschichte könnte ein spannendes Studienfach sein, findet im bevorzugten Recherchemedium einen beklagenswerten Zustand vor. Es gibt nur wenige Seiten, die kurz, knapp, verständlich und möglichst unakademisch beschreiben, was wir eigentlich machen bzw. wie vielfältig solch ein Studium sein kann. Ich suchte also grundsätzlich nach einer Möglichkeit, Gedanken und Ideen rund um die Technikgeschichte schnell, aufwandsarm und unbürokratisch für diejenigen zu veröffentlichen, die sich dafür interessieren: Studieninteressierte, Mittelbau-Fachöffentlichkeit, interessierte Laien.

Im letzten Semester haben Sie auch Studierende involviert und von ihnen erstellte Beiträge im Blog veröffentlicht. Wie und vor allem auch warum haben Sie diese Aufgabe in die Lehrveranstaltung eingebunden?

Die angesprochene Lehrveranstaltung war ein Hauptseminar, das sich mit einem bestimmten Quellenbestand auseinandersetzen sollte. Es handelte sich um Tourenbücher für Radfahrer um 1900, die in immer größerer Zahl von Bibliotheken digitalisiert und online im Volltext zur Verfügung gestellt werden. Damit verbanden sich drei Fragen für die Teilnehmer: Wie gehen wir als Historiker eigentlich mit den rasant wachsenden Datenmengen um? Welche Möglichkeiten bieten vorhandene digitale Werkzeuge für die Auswertung und Interpretation der Quellen und wie können Arbeitsergebnisse schon von Studierenden dargestellt und vermittelt werden? Die Lehrveranstaltung gliederte sich in zwei Blöcke. Im ersten Block wurde ganz konventionell das Material recherchiert. Es wurden verschiedene theoretische Ansätze zur Auswertung und Einordnung sowie ein Fragehorizont an die Tourenbücher erarbeitet (was interessiert uns eigentlich an diesen Tourenbüchern). Zusätzlich gab es externen Input von einer Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek und von einem Social Media Experten zu den Themen: Online-Publizieren, Lizenzierungsfragen, wiss. Bloggen. In einem zweiten Block waren die Teilnehmer nun aufgefordert, die sie interessierenden Quellen mit einer selbst erarbeiteten Fragestellung auszuwerten und zu interpretieren und darüber kurze Blogbeiträge zu verfassen, die vor der Publikation intern mit allen Teilnehmern diskutiert wurden. Zu beachten waren dabei die korrekte Lizenzierung von Bildern, die Angabe von Quellen und deren Verlinkung mit den jeweiligen Anbietern, die Anforderungen an Texte für ein potenziell breiteres und nicht-akademisches Publikum sowie Absprachen mit Kommilitonen und deren Themen.

Oft bestehen bei Lehrenden Bedenken, die Werke von Studierenden zu veröffentlichen, da sie potentiell Fehler enthalten können und der Wunsch nach Korrektheit sehr hoch ist. Wie sind Sie damit umgegangen?

Diesen Bedenken wurden mit einem gruppeninternen Korrekturprozess begegnet. Alle Texte wurden erst über das Etherpad-Tool von ISIS eingestellt und von der Gruppe kommentiert, um dann nochmals im Seminar besprochen zu werden. Die korrigierten Fassungen wurden anschließend nach Freigabe durch die jeweiligen Autoren von mir im Blog mit dem Autorennamen eingestellt. Die Beiträge sollten klar als studentische Leistungen zu erkennen sein, wofür jeder Artikel noch mit dem Zusatz in der Überschrift “Hauptseminar zum Tourenfahren” eingeleitet wurde. Im Rahmen dieser Einschränkungen war es jedoch durchaus erwünscht, dass eine inhaltliche und stilistische Vielfalt entstand, die auch schwächere Beiträge einschloss. Die Studierenden besaßen keine eigenen Autorenrechte, da es sich hier um das offizielle Fachgebietsblog der Technikgeschichte handelte. Sämtliche Beiträge mussten also von mir als Seminarleiter eingestellt werden.

Gab es nach der Veranstaltung ein Feedback seitens der Studierenden? Hat ihnen das Erstellen der Beiträge Spaß gemacht oder empfanden sie es eher als “abzuarbeitende Aufgabe”?

Feedback gab es in Form der offiziellen Evaluation, in einer internen Auswertungsrunde in der letzten Lehrveranstaltung und in einzelnen Meldungen zum Studiengangstag des Instituts. Die Rückmeldungen waren überdurchschnittlich gut. Hervorgehoben wurde, erstmals überhaupt mit Kommilitonen intensiv über eigene Texte in einem Seminar diskutiert zu haben, viel Wissen über digitales Recherchieren und Publizieren mitgenommen zu haben und die steile Lernkurve bezüglich des Schreibens kleinerer Texte für ein nicht-akademisches Publikum. Waren die meisten Teilnehmer zu Beginn noch sehr unsicher, wie sie Blogbeiträge schreiben sollten (das könnten sehr viele Menschen lesen; einmal veröffentlicht, wird es nie wieder “verschwinden”; wie schreibe ich interessant und wofür interessieren sich eigentlich die Leser), änderte sich dies im Verlauf des Seminars deutlich und es überwog die Freude darüber, scheinbar randständige, lustige oder schräge Begebenheiten erzählen zu können. Sie recherchierten nun eigenständig, halfen sich gegenseitig mit Literaturhinweisen oder Online-Ressourcen und entwickelten klare inhaltliche Schwerpunkte, die sich teils ergänzten. Grundsätzlich haben wir gemeinsam darüber nachgedacht, wer eigentlich veröffentlichen darf und warum ein Blog geeignet sein könnte, auch studentische Beiträge sichtbar zu machen.

Derzeit schreiben Sie einen großen Teil der Beiträge selbst und kümmern sich auch um die Administration des Blogs. Wieviel Zeit nimmt das in Anspruch und wie schätzen Sie die Schwierigkeit für die Nutzung ein?

Der zeitliche Aufwand hält sich deutlich in Grenzen, so dass ich mit unterschiedlicher Intensität nur einen Bruchteil meiner Arbeitszeit dafür einsetze. Ich schätze, dass ich derzeit etwa zwei bis drei Stunden pro Woche benötige. Schwierigkeiten ergeben sich nur aus dem unklaren Rechtemanagement der TU Berlin und unserer Fakultät (I) in Bezug auf ein regelmäßiges Update verbunden mit der Sicherung der Inhalte über Web-AFS. Blogbeiträge schreiben ist für mich für eine gedankliche Raucherpause. Es sind kleine Auszeiten vom Lehr- und Forschungsalltag: Ich schreibe über interessante Fundstellen, spontane Erkenntnisse oder Hinweise und freue mich, dass auch Kollegen in zunehmenden Maße aktiv werden. Es funktioniert erst, wenn alle Fachgebietsmitarbeiter das Blog als Kommunikationsmittel über uns und unsere Arbeit selbstverständlich akzeptieren. Immerhin wird es auch in diesem Semester weiter für studentische Beiträge genutzt und die Rückmeldungen unserer Studierenden sind sehr positiv. Sie informieren sich mittlerweile auch über das Fachgebiet, indem sie Blogbeiträge lesen.

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