Wie nutzen Studierende Screencasts? – Erfahrungen aus der Informatik

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Der nächste Erfahrungsbericht aus unserer “Yeti-Reihe” stammt genau wie der letzte aus dem Bereich Informatik. Tim Jungnickel arbeitet am Fachgebiet Komplexe und Verteilte IT-Systeme und hat dort in den letzten Jahren mit seinen Screencasts nicht nur viele Erfahrungen sondern auch viele (Zugriffs-)Zahlen gesammelt. Darüber wie Studierende die Videos genutzt haben, berichtet er Folgendes…

Die Theoretische Informatik zählt typischerweise nicht zu den Lieblingsfächern im Informatikstudium. Der Name verrät bereits: Viel Theorie, wenig Praxis, keine Programmierung. Die Ergebnisse der Lehrevaluation an der Fakultät  waren bislang immer gut bis sehr gut im Bezug auf die Durchführung der Lehrveranstaltung. Die von den Studierenden eingeschätze “Schwierigkeit des Stoffs” sowie die  Prüfungsergebnisse waren Motivation für die Erstellung von Zusatzmaterial zur Vorlesung und Übung. Es sollte neben den bestehenden E-Kreideaufzeichungen und Musterlösungen ein alternatives Medium genutzt werden. Mit den Screencasts können die Studierenden selbst ihr Lerntempo
bestimmen, da einzelne Sequenzen wiederholt oder übersprungen werden können. In diesem Blogpost möchte ich meine Erfahrungen aus einer Bachelorarbeit voll Lehrvideoproduktion teilen. Im Rahmen meiner Arbeit wurden von Mitte 2011 bis Anfag 2012 drei Screencasts zur Unterstützung der Lehre in der Theoretischen Informatik im Kurs “Berechenbarkeit und Komplexität” erstellt. Der Kurs richtet sich vorrangig an Studierende der Informatik im zweiten Semester. Die Screencasts sollen die Vorlesung und den Übungsbetrieb unterstützen und keinesfalls die Präsenz in der Lehrveranstaltung ersetzen.

Aufnahmetechnik und Bereitstellung
Zur Aufnahmetechnik hat mein Kollege Arno Wilhelm-Weidner im letzen Blogpost schon etwas geschrieben. Im wesentlichen habe ich das gleiche Setup aus einer Screencast Software (Screenflow) und einem beschreibbaren Display (Wacom) verwendet. Für die Tonaufnahme habe ich mich von Tim Prilove, unter anderem bekannt aus der Podcast Serie “Chaosradio Express“, einen Tipp geben lassen und ein Beyerdynamic Headset mit Kondensatormikrofon für Anwendungen im Rundfunkbereich verwendet. Für mich ist die Qualität der Tonspur besonders wichtig. Wenn der/die Zuschauer(in) sich nicht auf den Inhalt des Videos konzentrieren kann und zu sehr damit beschäftigt ist akustisch zu verstehen was der/die Sprecher(in) gerade sagt, dann wird der wesentliche Teil nicht transportiert und die vielen Produktionsstunden sind wertlos. Vielleicht reagiere ich da auch etwas überempflindlich, da ich zu Schulzeiten als Freelancer in der Veranstaltungstechnik zu oft miterleben musste, wie guter Gesang durch schlechte Technik nahezu zerstört wurde. (Andersrum gilt natürlich auch, dass das beste Mikrofon noch lange keinen guten Sänger aus dir macht.)

Insgesamt sind drei aufeinander aufbauende Videos entstanden. Für die Verbreitung der Videos im Kurs habe ich auf eigene Hard- und Software gesetzt und mich damit bewusst gegen YouTtube etc. entscheiden. Der Hauptgrund dafür ist, dass ich die Verbreitung der Videos, zumindest bis zu einem gewissen Maß, selbst kontrollieren kann. Auch die Nutzungsstatistiken kann ich auf einem eigenen Server selbst analysieren und auswerten und bin nicht auf die Metriken der Videoportale beschränkt. Nicht zuletzt gibt es unter InformatikerInnen auch immer wieder etwas Skepsis was die Benutztung von großen, allgemein als “datenfressenden” bekannten Portalen wie YouTube, Google etc. angeht. Die Videos habe ich über iframes im ISIS eingebunden, so dass es für die ISIS-NutzerInnen so aussieht, als ob sie niemals die Plattform verlassen hätten. Außerdem sind die Videos auf einer eigenen Seite erreichbar.

Erfahrungen
Die Videos wurden bis zum Datum dieses Posts in den Sommersemestern 2012, 2013 und 2014 eingesezt. Da die Videos sich inhaltlich eher auf den letzten Teil der Vorlesung beziehen, werden die Videos erst Anfang Juli freigeschaltet. Da die Klausur in der Regel Ende Juli angesetzt ist, konzentriert sich die Nutzung auf genau einen Monat im Jahr, was die Auswertung deutlich erleichtert. Jetzt aber zu den Statistiken aus dem Sommersemester 2014: Im Juli 2014 haben insgesamt 418 Unique Visitors, also Besucher mit jeweils unterschiedliche IP-Adressen, Videos abgerufen. Die Zugriffszahlen erscheinen bei ca. 350 KursteilnehmerInnen plausibel, da bei privaten Internetanschlüssen in der Regel täglich eine neue IP verwendet wird. Insgesamt wurden 120 Gigabyte Videomaterial abgerufen. Die drei Videos sind zusammen ca. 350 Megabyte groß. Somit wurden alle drei Videos zusammen etwa 350 Mal in voller Länge abgerufen. Auch diese Zahl erscheint im Hinblick auf die Teilnehmerzahlen plausibel, da die Videos von einzelnen Personen sicherlich mehrfach abgerufen oder heruntergeladen wurden. Insgesamt gehe ich davon aus, dass ein Großteil der KursteilnehmerInnen das Videoangebot tatsächlich genutzt hat. Die erste Statistik zeigt an welchen Tagen die Videos abgerufen wurden. Der Link zu den Videos wurde am 7. Juli im ISIS Kurs gepostet. Die Klausur wurde am 23. Juli von 15-18 Uhr geschrieben. Besonders auffällig, wenn auch wenig überraschend, ist, dass die Videos in der Vorbereitungsphase vor der Klausur am meisten abgerufen wurden. Am Tag der Klausur wurde mit 20 Gigabyte der größte Traffic erzeugt.

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Die zweite Statistik zeigt die Tagesszeiten in denen die Videos abgerufen wurden. Etwas überraschend für mich ist, dass die meiste Nutzung zwischen 14 und 16 Uhr stattgefunden hat. Zwar bestätigen die Statistiken auch das Klischee der nachtaktiven Informatik-Studierenden, doch eine Pauschalisierung wäre an dieser Stelle definitiv falsch.

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Fazit
In einer Vorlesung können Studierende sofort Fragen stellen können wenn etwas unklar ist und der/die Dozent(in) sofort auf Feedback reagieren. In einem Screencast fehlt (derzeit) ein interaktives Element um auf Verständnisprobleme gezielter eingehen zu können. Die größte Stärke der Screencasts ist, dass Studierende jederzeit anhalten und zurückspulen können. Wirkliches Feedback auf die Videos erhalten wir in der Regel erst, wenn die Videos die Feuerprobe an den Studierenden bestanden haben. Nutzungsstatistiken können dabei helfen das Lernverhalten besser einschätzen zu können. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Studierende ständig Prozesse optimieren. Bei fünf Prüfungen in zwei Wochen, welche in der Regel alle in den Abschluss eingehen, können sich unsere Studierenden einfach nicht leisten für jede Prüfung 60 Stunden Vorbereitung einzuplanen. Wir können die Studierenden in den kurzen Lernphasen vor den Klausuren unterstützen, indem wir gutes Material zur Verfügung stellen. Screencasts sind ein gutes und akzeptiertes Mittel um die Studierenden zu unterstützen, gleichwohl die Erstellung eines Screencasts sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

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